Gender Studies
Für ein Proseminar zu den Theorien der Gender Studies an der Universität Freiburg werde ich hier auf dieser Seite ein reading journal führen. Das reading journal soll dazu dienen, die behandelten Theorien zu kommentieren und praktisch anzuwenden. Vielleicht entsteht daraus auch eine Diskussion in der Blogosphäre?
Der Geschlechterkampf bei DSDS - Ein Kommentar zur siebten Mottoshow
Es ist doch interessant: Fünf Männer und fünf Frauen starteten bei Deutschland sucht den Superstar (DSDS) in die Top Ten Mottoshows. Doch nur eine Frau schaffte es unter die letzten drei: Lisa Bund. Bisher haben bei DSDS in drei Staffeln zwei Männer und eine Frau gewonnen. Aber woher kommt diese Bevorzugung der Männer? Das Phänomen ist wahrscheinlich nur mit der Kommunikationsfreude der weiblichen Bevölkerung zu erklären, die für ihren männlichen Liebling anruft. Dagegen wird kaum ein männlicher Zuschauer für eine heiße Sie zum Telefonhörer greifen. Für Männer scheinen Frauen nur als Beute attraktiv zu sein, auf das Anhimmeln aus der Ferne verzichten sie. Vielleicht ist das auch die rationale Ebene, die ihnen keinen Nutzen von einer Telefonwahl verspricht. Von daher wäre es fairer, wenn die Jury die Nominierungen vornimmt. Doch dann wäre die Sendung vornehmlich für die weiblichen Fans fast langweilig. Gerade weil die Sendung Interaktion ohne Pragmatik einfordert, beteiligen sich mehr Frauen als Männer. Dabei ist es für Talente wie Lisa Bund schade, weil ihre Chancen durch die Dominanz des Männlichen sinken. Deswegen hoffe ich trotzdem, dass nach Alexander Klaws und Tobias Regner nun Lisa den Gesangswettbewerb gewinnt.
Die Genderungerechtigkeit geht weiter - Ein Kommentar zur achten Mottoshow
Lisa Bund hat den Traum vom Superstar ausgeträumt. In der achten Mottowshow bekam sie die wenigsten Anrufe. Die Genderungerechtigkeit bei DSDS geht weiter. Kaum ein Junge hat die Töne weniger getroffen als Martin Stosch und kaum ein Mädchen hat eine so facettenreiche Stimme wie Lisa Bund. Trotzdem hat Martin sehr viele weibliche Fans, die für ihn anrufen, Lisa hat zu wenig männliche Anrufer. Männliche Fans hat sie genug…
Der Gleichheitsfeminismus
Der Gleichheitsfeminismus fordert auf Grundlage der Überzeugung der prinzipiellen Gleichheit von Mann und Frau, eine Öffnung aller gesellschaftlichen Bereiche und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Welt (vor allem der Arbeitswelt und der Politik). Er setzt auf Rechtsgleichheit und Gleichbehandlung sowie den Abbau der Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Weiblichkeit wird als Konstrukt gesehen, das zur Unterordnung der Frau beiträgt. Als Strategie sucht er den Weg in die Institutionen und eine Erhöhung der Frauenquoten in alen Bereichen. (Quelle: Frauenbeauftragte)
Hat der liberale Feminismus versagt?
Tausende von Jahren Patriarchat stehen gegen hundert Jahre Frauenbewegung. “Die Geschichte ist eine von Männern gemachte”, sagt Professorin Ute Guzzoni. Trotzdem fühlen sich viele Frauen heute gleichberechtigt. Doch dieses Gefühl täuscht: Immer noch gibt es weniger Hochschulabsolventinnen als Absolventen, immer noch verdienen Frauen weniger als Männer und immer noch haben in den meisten Familien die Frauen die meiste Arbeit. Das sind Fakten, die anhand des Gender Datenreports des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend empirisch belegt sind. Dahinter ein Versagen des liberalen Gleichheitsfeminismus zu sehen, wäre jedoch zu kurzsichtig. Die Feministinnen der ersten Stunde predigten eine rechtliche Gleichstellung der Frau und gewannen Bürgerinnen- und Wahlrechte (u. a.). Beschämend ist allerdings die Tatsache, dass erst 1990 der letzte Kanton in der Schweiz die Frauen zur Wahl gehen ließ. Schon daran lässt sich erkennen, dass die Gesellschaft nur sehr langsam auf de jure vorgeschriebene Regeln reagiert. Damit soll nicht gesagt werden, Gesetze seien unwichtig, sondern es soll gesagt werden, dass Gesetze alleine nichts bewirken. Die Gesellschaft muss mit den neuen Regeln umgehen, sie in den Alltag integrieren. Viele - vor allem Männer - sind beispielsweise Gegner von gendergerechter Sprache. Oft ist die Ausrede “Aus ökonomischen Gründen ist nur die männliche Form genannt” zu hören. Männern macht das nichts aus, sie sind immer explizit gemeint, Frauen dagegen schon, denn sie sind nur das jeweils mitgemeinte Geschlecht. Ein wenig erinnert es an die frühere Frau Doktor, die selbst keinen Titel besaß und nur aufgrund des Doktortitels ihres Mannes so genannt wurde. Forderungen von Luise Pusch sind sicher überzogen, aber in der Überziehung liegt zugleich die Kraft. Gerade solche Kleinigkeiten sind es, die die Gender-Diskurse in der Gesellschaft aufrecht erhalten und überhaupt erst das Umdenken ermöglichen.
Differenzfeminismus
Der Differenzfeminismus verbindet sein Engagement mit der Überzeugung über das Bestehen einer grundsätzlichen sexuellen und unveränderbaren weiblichen Identität, die different von Männlichkeit ist. Er definiert daher differente, von Weiblichkeit abgeleitete, Sphären und Rechte und verwehrt sich gegen eine Angleichung der Frau an die Männerwelt in Beruf und Politik. Als Strategie sucht er den Weg in autonome Bereiche getrennt von männlichen Strukturen und Normen, um einen selbstbestimmten und selbstdefinierten Raum für weibliche Zugänge und Bedürfnisse zu ermöglichen ( Vgl: Sieglinde Rosenberger: Geschlechter-Gleichheiten-Differenzen, Eine Denk und Politikbeziehung, Wien 1996). (Quelle: Frauenbeauftragte)
Differenzfeminismus versus Gleichheitsfeminismus
Während der Gleichheitsfeminimus die Frau an den Mann angleichen möchte, was die rechtliche Stellung im öffentlichen Leben betrifft., möchte der Differenzfeminismus eine radikale Umwälzung des herrschenden patriarchalen Wertesystems. Daher wird der Differenzfeminismus auch oft als radikaler Feminismus bezeichnet. Für die Differenzfeministinnen ist es unverständlich, Frau und Mann gleich zu kategorisieren und aus ihnen Gleiche machen zu wollen. Was die Differenzfeministinnen sehen, sind die radikalen Unterschiede zwischen Mann und Frau: angefangen bei den biologischen Unterschieden (sex) über die unterschiedliche Sprache, die unterschiedlichen Bedürfnisse, die unterschiedlichen Charaktere bis hin zur Erziehung (gender). So kann gesagt werden, dass der Differenzfeminismus auch ins private Leben hineinwirkt und die Frau nicht nur oberflächlich anpassen möchte. Der Weg der Radikalität ist meines Erachtens auch notwendig, um überhaupt eine mittelmäßige oder auch längerfristige Wirkung zu erzielen. Auch der Appell zur Solidarität ist ein wesentlicher Motor der Frauenbewegung. Allerdings muss kritisiert werden, dass der Differenzfeminismus keinen Raum für Andersartigkeit lässt, entweder ist frau Frau oder man(n) Mann. Die Metapher des androgynen Urmenschen wird ausgelöscht.
Mädchenschwarm versus Bohlenliebling - Ein Kommentar zum Finale von DSDS
Bemerkenswert: Zwei Männer standen bei DSDS im Finale, der heterosexuelle Mädchenschwarm Martin Stosch und der homosexuelle Bohlenliebling Mark Medlock. Nahe lag die Vermutung, dass Martin Stosch, nicht aufgrund seiner gesanglichen Qualitäten, sondern wegen seiner Beliebtheit, das Rennen gewinnt. Doch mittlerweile scheint Homosexualität einen gewissen Grad von Akzeptanz in unserer Gesellschaft erlangt zu haben. Und da die Jury, allen voran Dieter Bohlen, von Anfang an auf seiner Seite stand, musste Mark nur noch das Publikum mit seiner Stimme überzeugen. Herzllichen Glückwunsch, er hat es geschafft! Vielleicht auch deswegen, weil Homosexualität viel mehr als gesellschaftlich akzeptiert ist. Homosexualität ist heute “in”!
Die Gehälter sind unfrei: Warum Frauen weniger verdienen als Männer
Mit der Frage, warum Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, beschäftigte sich vor Kurzem ein Artikel in der Frauenzeitschrift “Lisa”. Männer behaupteten dort, dass Frauen einfach zu wenig Selbstbewusstsein besäßen. Sie seien daher selbser schuld, wenn sie weniger Geld verdienen. Kann frau das so stehenlassen?
Queer Studies
1. Postmoderne und Dekonstruktion Queer Theory I
“Wenn die Wahrheit nicht existiert, wenn Leistung nur ein Ausdruck von Macht ist, wenn es keine objektive Realität gibt, dann ist bedeutungsvoller Diskurs unmöglich und die Hoffnung auf eine gerechte und gleiche Gesellschaft ein Schein.” (Alex Kozinski, The New York Times Book Review, November 2, 1998)
2. Judith Butler Dekonstruktion von Geschlecht?
Eine Trias von Gedichten von Erich Fried
Fliehkraft: Emanzipation der Geschlechter
Eine Frau, aber gar nicht schön hergerichtet.
Warum die auf Sexappeal verzichtet?
Daneben im Dunkeln ein kleiner Mann,
der das gar nicht begreifen kann:
“Eine Frau ist doch nur was wert,
solange ein Mann sie liebt und begehrt?
Wovon wolln sich diese Hexen befrein?
Das muß das Werk von Aufrührern sein!
Am besten, man hielte sie hinter Gittern,
statt daß sie uns hier das Leben verbittern.
Aber gottlob, es gibt einer Wende,
dann geht es auch bald mit denen zu Ende.”
Die Angst der Mädchen I
Solange es vorkommt
daß Mädchen
Angst haben müssen
vor Männern
ist die Emanzipation der Frau
noch nicht wirklich erreicht
Die Angst der Mädchen II
Und wenn ein Mädchen schreit
aus leerer Angst
vor Männerhüten
und Mänteln
was war dann
der wirkliche Grund?
Psychoanalyse: Sigmund Freud, ein Irrläufer?
“Wenn ich Sigmund Freud lese, verstehe ich jedes Wort und daher glaube ich seinen Worten”, so sagte eine Komilitonin. Unumstritten ist, dass Sigmund Freud (1856 - 1939) eine gute Schreibe hatte und jedermann direkten Zugang zu seinen Schriften findet. Im Gegensatz zu Judith Butler. Dabei ist Sigmund Freud im Hinblick auf die Gender Studies für manche “kalter Kaffee”, Judith Butler “Göttin der Dekonstruktion”. Die Vorstellung, dass die Frau dem Mann untergeordnet ist, kann heute nicht mehr zeitgemäß sein. Für Sigmund Freud ist das Geschlecherverhältnis durch das Subordinationsmodell bestimmt, das er in seiner Psychoanalyse aufgreift, weiterentwickelt und vertritt. Subordination meint bei ihm, dass die Frau aufgrund ihrer Mangelgestalt (sie hat kein männliches, aus dem Körper herausragendes Geschlechtsteil) der schwächere Part ist. Der Mann in perfekter Menschengestalt ist der stärkere.
Vielleicht war Sigmund Freud ein Irrläufer, was die geschlechterspezifische Rollen betrifft. Fakt ist, dass seine Theorien bis heute in unserer Gesellschaft fest verankert sind und immer wieder neu rezipiert werden. Erschreckend, wenn wir bedenken, dass die Frau seit den 70er Jahren emanzipiert ist, sich keinesfalls als Mangelwesen begreift und sich vermutlich auch niemals als solches begriffen hat. Doch ein Blick in die Theologie klärt auf: Hier findet sich von Beginn an das Subordinationsmodell. Schon Augustinus und Thomas von Aquin schenkten der Frau wenig Beachtung. Augustin sah in ihr die Urheberin der Erbsünde, Thomas vertrat die Ansicht, dass ein Mädchen nur dann entstehen könne, wenn ungünstige Einflüsse die Erzeugung eines Mannes verunmöglichen. In der Romantik (1795 - 1840) löste das Modell der Polarität das Modell der Subordination ab. Die Frau galt nun nicht mehr als defizienter Mann, sondern besaß eine eigene Würde. Philip Lersch (1898 - 1972) , ein Psychologe und Zeitgenosse von Freud, untersuchte in seinem 1947 veröffentlichten Werk “Vom Wesen der Geschlechter” die Charaktere von Mann und Frau. Er ordnete den Geschlechtern folgende Eigenschaften zu:
Mann versus Frau
- aktiv versus passiv
- zentrifugal versus zentripetal
- Fernwelt versus Nahwelt
- Imperativ des Werkes versus Infinitiv des Wirkens
Aus den Gegensatzpaaren, die die Polarität der Geschlechter aufzeigen sollen, wird ersichtlich, dass der Mann eher mit positiv konnotierten Eigenschaften (Beispiel aktiv), die Frau eher mit negativ konnotierten (Beispiel passiv) charakterisiert wurde. Und dies ist auch die Kritik an diesem Modell: Durch die Hintertür kommt das Subordinationsmodell zum Vorschein, womit wir zu Lerschs Zeitgenossen Sigmund Freud zurückkehren. Sigmund Freud war also kein Revolutionär seiner Zeit, sondern ein Produkt seiner Zeit. Dabei räumte er selbst ein, dass seine Studie nur ein Vorläufer sei. Die bereits angesprochene Rezeption seiner Psychoanalyse lässt allerdings einen normativen Schluss zu, einen Fehlschluss, der Sigmund Freud heute als definitiven Irrläufer entlarvt.
Die Identität als Frage des Körpers und des Geschlechts
Elisabeth Rohr: Schönheitsoperationen. Eine neue Form der Körpertherapie?
Zusammenfassung von Anna-Lea Graber
Obwohl der weibliche Körper in der Frauenforschung schon immer von zentraler Bedeutung war, fand das Thema Schönheitsoperationen bisher kaum wissenschaftliche Beachtung. Wahrscheinlich in erster Linie, weil kosmetische Eingriffe allen emanzipatorischen Idealen und politischen Forderungen der Frauenbewegung widersprechen.
1. Geschichte und Entwicklung der Schönheitschirurgie
Bestrebungen den Körper zu verschönern, gab es eigentlich schon immer. Es ist also kein neuzeitliches Phänomen. Aber erst im 20. Jahrhundert entstand die kosmetische Chirurgie, und zwar als Eingriff am gesunden Körper. Um die Jahrtausendwende wurde die Schönheitsoperation, besonders bei Frauen, zum Massenphänomen. Die Medien vermarkteten das angelsächsische Schönheitsbild als Voraussetzung für Erfolg im Beruf. Kosmetische Operationen machen so individuell gut, was die Politik versäumt hat, nämlich Gleichheitsgrundsätze in der Gesellschaft zu verankern.
2. Was treibt Frauen zu Schönheitsoperationen?
Frauen, die sich chirurgisch verschönern lassen, leiden so stark an einem einzigen körperlichen Makel, dass sie ein äusserst gestörtes Selbstbewusstsein entwickeln. Durch das operationale Entfernen des Fehlers können diese Frauen die Abspaltung aufheben und scheinbar eine neue Identität entwickeln.
3. Schönheitsoperationen aus einer kritischen Perspektive
In verschiedenen grenzüberschreitenden Situationen, die Frauen schildern, die ihren Busen vergrößern ließen, zeigt sich, dass die Abspaltung nicht aufgehoben, sondern nur ins Gegenteil gekehrt wurde. Der besagte Körperteil wird idealisiert und gehört so immer noch nicht selbstverständlich zum Rest des Körpers.
4. Schönheitsoperationen als Akt der Autoaggression?
Die Gefühle, die Frauen nach einem gelungenen kosmetischen Eingriff schildern, ähneln sehr den Beschreibungen von autoaggressiv gestörten Menschen. Autoaggressionen und Schönheitsoperationen gemeinsam ist auch, dass ein gesunder Körper verletzt wird und die betroffene Person bereit ist, gesundheitliche Risiken einzugehen.
5. Schönheitsoperationen als moderne Form der Psychotherapie
Die These, dass Schönheitsoperationen zur Festigung der eigenen Identität beitragen, ist also in ihrer Absolutheit nicht tragbar. Bei Frauen, die sich nicht am Busen, sondern an anderen Körperteilen operieren ließen, kann dies aber dennoch zutreffen. In einigen Fällen trägt eine chirurgische Veränderung dazu bei, dass sich eine gefühlte körperliche Normalität einstellt und die Abspaltung aufhebt. Trotzdem lösen Schönheitsoperationen viele andere Probleme nicht und können deshalb sicher nicht als Ersatz einer Psychotherapie gesehen werden.
Körperkult ohne Grenzen? Ein Kommentar
Wenn die Schönheitschirurgie einem Menschen hilft, sollte dieses Mittel in Anspruch genommen werden. Denn viele Menschen, besonders Frauen, definieren sich über ihren Körper. Bei einem schweren Defizit, das das Selbstbewusstsein schwächt, ist eine optische Korrektur angebracht. Zu viel Oberflächlichkeit schadet allerdings. Für Körperkult, der heute auch oftmals unter dem Stichwort “body modification” gepflegt wird, kann ich dagegen kein Verständnis aufbringen. Denn auch der Körper und das, was man ihm zumuten sollte, hat seine Grenzen. 
Postkolonialer Feminismus
“Wie gehst du um mit Dingen, an die du glaubst - wie lebst du sie, nicht als Theorie, nicht einmal als Emotion, sondern auf der direkten Linie von Handeln, etwas Bewirken, Veränderung schaffen? (…) Dich zu stellen, ist, als würdest du ein Stück deiner selbst töten, in dem Sinn, daß du etwas Vertrautes und Verläßliches töten, beenden, zerstören mußt, damit etwas Neues in dir selbst und in unserer Welt entstehen kann.” (Audre Lorde)
Die Frage, die Audre Lorde stellt, ist auch die Frage nach der Aufgabe von ungeschriebenen Gesetzen. Und davon gibt es in unserer Gesellschaft sehr viele. Gerade gestern bin ich wieder auf ein solches ungeschriebenes Gesetz gestoßen, auf das der traditionellen Geschlechterrollen.
Bei den beiden Bildern handelt es sich um Werbeplakate des Verkehrsverbundes TNW (Nordwestschweiz) für das U-Abo. Auf dem ersten Werbeplakat ist die Rolle der Frau als eindeutig definiert dargestellt: Sie hat als Mutter für ihr Kind zu sorgen, mit dem sie “Viele Erlebnisse” teilt. Der Mann auf dem zweiten Werbeplakat könnte der Vater der Familie oder aber Single sein. Ihm kommt die Rolle des Geldverdieners zu: Mit “Vielen Abschlüssen” in der Tasche hat er bereits jung Karriere gemacht und wirkt dadurch außerordentlich attraktiv. Die Frau als Mutter ist in der Regel nicht mehr zu haben und daher unattraktiv. Weil die beiden Plakate an einer Litfasssäule am Basler Aeschenplatz untereinander hingen, war das ungeschrieben Gesetz unverkennbar: Die Frau soll Mutter sein, der Mann soll Karriere machen (und die Familie versorgen)!
Ist der Spieß umgedreht richtig rum?
Eine Bahnbekanntschaft, ein Italiener, wohl in den 50ern, erzählte mir auf der Strecke von Freiburg nach Offenburg, dass er geschieden sei. Aus seiner Sicht, ohne mir die genauen Gründe zu nennen, schob er die Schuld der gescheiterten Ehe seiner Frau zu. “Sie hat die Scheidung gewollt”, sagte er. Knackpunkte sind die Konsequenzen: Das Ehepaar hat drei gemeinsame Kinder, die weiterhin versorgt sein wollen. “Zwei Kinder leben bei mir, die jüngste Tochter lebt bei meiner Frau”, sagt er frustriert. Seine Frustration ist materieller Natur: Für seine beiden Kinder, die er bei sich hat, zahlt seine Frau keinen Unterhalt. Für das Kind, das bei seiner Frau lebt, muss er umgekehrt Unterhalt zahlen. Und das noch sehr lange. Knapp zehn Jahre, bis zum achzehnten Lebensjahr der Tochter, ist er dazu verpflichtet. Seine Frau geht nach Angaben des Italieners nicht arbeiten, er schon. Ist der Spieß umgedreht richtig rum, wenn nicht die Frau, sondern der Mann die Doppelbelastung hat?
Kritische Männerforschung
Gliederung
1. Problematik: Grundsätzliche Verunsicherung der Männer durch die Emanzipation der Frau.
2. Warum? Dazu ein Blick in die Geschichte: Androgynität, Subordination, Polarität, Emanzipation.
3. Mit der Emanzipation geht die Frauenforschung einher. Durch die Selbstdefinition der Frauen werden die Männer herausgefordert, das gleiche zu tun. Es kommt zur Männerforschung.
4. Die Frage “Wann ist ein Mann ein Mann?” stellt sich.
5. In einem YouTube Video (s. unten) erklärt ein Mann aus seiner Perspektive, was ein Mann ist.
6. Um der Frage wissenschaftlich nachzugehen, wird die Forschung von Robert Connell rezipiert, der von einer Krise der Männerwelt spricht.
7. Ist diese Aussage gerechtfertigt? Kann in unserer immer noch patriarchalisch geprägten Gesellschaft von einer Krise der Männerwelt gesprochen werden? Um dieser Frage nachzugehen, dieser Artikel aus der Zeit.
Interpretation:
Der Artikel untermauert die bestehenden Verhältnisse und versucht durch die Herausstellung der Dominanz der Frau im privaten Bereich eine Krise der Männerwelt zu konstruieren. Dass im öffentlichen Bereich die Männer das Sagen haben, gibt er zugleich zu. Dem Artikel nach, kann nicht von einer Krise der Männerwelt gesprochen werden, wenn es um die Macht geht. Was das moderne Verhältnis von Mann und Frau angeht, vielleicht schon eher.
8. Dazu die Ergebnisse einer empirischen Studie von Michael Meuser. Der Wandel von Alltagssituationen ist offensichtlich durch den Wandel der Geschichte bedingt. Doch wie sieht es mit der Sexualität aus?
9. Die taz veröffentlichte diesen Artikel.
Die Präsentation kann hier im Vollbild-Modus angezeigt und heruntergeladen werden.
Feministische Naturwissenschaftskritik I
Das moderne männliche Subjekt im Anschluss an Adorno, Horkheimer und Foucault (Andrea Maihofer und Klaus Theweleit)
Zu den Personen
Andrea Maihofer, 1987 Promotion in Philosophie mit der Dissertation “Das Recht bei Marx. Zur dialektischen Struktur von Gerechtigkeit, Menschenrechten und Recht.” Danach Intensivierung der Beschäftigung mit feministischer Theorie, insbesondere Studien zu Irigaray, feministischer Moral- und Rechtstheorie sowie Demokratie- und Politiktheorie. 1995 Veröffentlichung des Buches Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz. 1996 ins Soziologie habilitiert und Ernennung zur Privatdozentin an der Universität Frankfurt/Main. Seit März 2001 Professorin für Gender Studies und Leiterin des Zentrums Gender Studies an der Universität Basel.
Klaus Theweleit, Schriftsteller, Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Universität Freiburg, Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe. Arbeitsschwerpunkte: Wörter, Töne, Bilder; Faschismustheorien, Theorie der Gewalt, Gender Studies, Theorie der Medien, Popkultur, Film, Kunst und Macht. U. a. Autor von Männerphantasien (1977), Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell (2004) und Büchern zum “Pocahontas-Komplex”.
Textlektüre mit Andrea Maihofer: “Dialektik der Aufklärung” von Adorno/Horkheimer und “Sexualität und Wahrheit I und II” von Foucault
Das moderne männliche Subjekt ist Ergebnis der Tradition von Geschichte und Kultur, Ergebnis der sozialen Praxis. In sich wird das männliche Subjekt männlich gedacht und erklärt. Durch dieses Selbstverhältnis ist es Teil von Männlichkeitskonstruktion. Diese Konstruktion spiegelt sich in politischen Verhältnissen, bsonders in Macht- und Herschaftssystemen wider. Nach Foucault sind die Techniken des Selbst zeitgleich Herrschaftstechnologie.
“Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.” (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung 1987, S. 56)
Zu diesem Zitat ist folgendes zu sagen: Es geht um den Prozess der Herrstellung, historisch und kulturell. Die Disziplinierung geht mit der Subjektivierung einher. Das Zweckgerichtete hat mit Kapitalismus zu tun. Der Zweck ist die Erfüllung ökonomischer Imperative. Somit wird zugleich ein in sich männlicher Charakter der Menschheit geschaffen. Der individuelle Prozess der Subjektivierung geht mit dem gesellschaftlich-allgemeinen Prozess einher.
“Der Trieb, der zur Ablenkung drängt, müssen sie verbissen in zusätzlicher Anstrengung, sublimieren.” (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung 1987, S. 57)
Ein wenig erinnert dieses Zitat an die Psychoanalyse von Sigmund Freud. Paradox ist nur, dass der Mensch gerade durch die Aufgabe seiner Triebe erst zum Subjekt wird. Im Unterschied zu Adorno und Horkheimer bilden die Triebe bei Foucault keine Konstante. Durch die Zuschreibungen von außen meinen Männer jedoch, sie hätten Triebe.
“Je größer die Lockung wird, um so stärker lässt er sich fesseln.” (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 57)
Der Bürger muss seine Triebe beherrschen. Im Wortspiel lässt es sich erklären: Das Verb “beherrschen” bedeutet, Herr seiner selbst zu sein. Durch die Unterwerfung der Triebe, durch das unterwerfen der Unterwerfung unserer Selbst, erfolgt die Subjektivierung (individuell).
“Die Subjektivierung der Menschen, das heißt ihre Konstituierung als Untertan/Subjekt.” (Foucault, 1999, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit I, S. 78)
Es geht aber um noch mehr, es geht auch um die Subjektivierung der Menschen (kollektiv). Das Spannungsfeld umfasst die drei Begriffe Gehorsam, Unterwerfung und Individuum. Auf den ersten Blick paradox. Aber: Das Nomen “Subjektivierung” kommt von dem lateinischen Verb “subicere”, was übersetzt “unterwerfen” bedeutet. Wenn wir uns in psychische Behandlung begeben, uns einem Psychoanalytiker anvertrauen, dann beginnen wir vor einer Instanz (dem Psychoanalytiker), über uns selbst zu sprechen. Ein Subjekt-Objekt-Verhältnis ist die Folge. Dabei steht das Wissen von dem jeweiligen Subjekt, das zum Objekt wird, im Vordergrund. Sprechen wir vom männlichen Subjekt, fällt uns meist nicht die Psychoanalyse ein, sondern die Frage nach dem Sex, dem biologischen Geschlecht.
Was hat das alles mit Männlichkeit zu tun?
Das Verhältnis zu sich selbst ist das gleiche wie das Verhältnis eines Mannes zu einer Frau und das Verhältnis innerhalb einer Polis. Man kann nur innerhalb dieser Konzepte zum Mann werden, wenn man vom aufgebauten Verhältnis zu sich selbst ausgeht. Das Individuum wird zum Mann. Männlichkeit ist so definiert, dass Männer erst ein Verhältnis zu sich selbst durch Selbstbeherrschung und Selbstdisziplinierung (soziale Praxis) aufbauen müssen. Ein historisches Beispiel: Adorno, Horkheimer und Foucault beziehen sich auf die griechische Antike und die bürgerliche Aufklärung. Warum? Dieser historische Prozess legt den Typ von Zweckrationalität offen und lässte den Typ bürgerlicher Männlichkeit entstehen. In der bürgerlichen Klasse wurde das Konzept der Zweckrationalität und Männlichkeit entwickelt und wird gegenüber feudaler Männlichkeit (Mittelalter) diachron, sowie synchron gegen Arbeiter und Proletarier abgegrenzt. Arbeiter und Proletarier können apriori keine bürgerliche Männlichkeit ausbilden. Die bürgerliche Männlichkeit entwirft durch Selbststilisierung ein (ihr) Bild von Männlichkeit. Im 19. Jahrhundert entstehen die Rassetheorien. Die Kennzeichen eines idealen Mannes sind der Körperbau eines griechischen Adonis und die weiße Hautfarbe.
Klaus Theweleit
Das Subjekt existiert als lebendiger Mensch nicht. Das so genannte Subjekt ist ein Funktionsteil äußerer Zwänge, die dem “Subjekt” aufoktruiert werden. Das, was Freud, Adorno, Horkheimer und Foucault als Subjekt bezeichnen, ist ein Ausnahmefall. Denn die Anforderungen der Selbstbeherrschung und Selbstdisziplinierung (besonders im Hinblick auf die Triebe) sind viel zu hoch. An den Emotionen wird dies bereits deutlich: Kein lebendiger Mensch ist immer freundlich oder fröhlich. Von einem Moment zum anderen kann ein lebendiger Mensch switschen, zum Beispiel von Freude zu Trauer. Diesen menschlichen Vorgang könnte man nach den Verfechtern der Selbstdisziplinierung als Handlungsweise eines “gespaltenes Subjektes” auslegen. Wir Menschen jedoch empfinden es nicht als schizophren oder paradox, sondern als völlig natürlich und legitim. Wir sind nicht in der Lage, eine Art funktionale “Wunschmaschine”, ein Subjekt, zu sein. Bei der Sexualität geht es beispielsweise nicht nur um Sexualität mit dem gleichen oder anderen Geschlecht, sondern auch um die Projektion von Sexualität auf bestimmte Objekte (Bilder im Kopf).
Foucault, der kein heteronormatives Sexualleben führte, beschäftigte sich einmal (der Selbstidentikfikation willen?) mit einem antiken Hermaphrodit namens Alexina. Alexina war eigentlich ein Junge, lebte aber als Mädchen. Als dies aufflog, sollten Priester und ein Arzt entscheiden, um welches Geschlecht es sich denn nun handele. Alexina wollte jedoch nicht auf diese Weise von außen definiert werden und brachte sich um. Alexina war an der Aufgabe gescheitert, ein eigenes Ich zu bilden.
Andy Warhol Factory
Die Menschan als fragmentierte Subjekte sind zum Mögen nicht in der Lage, dennoch gibt es Paare, besonders Reproduktionspaare. (Das Ausleben der) Sexualität wird (immer) meist in Paaren gedacht. Dabei ist nicht nur der Geschlechtsverkehr harte Arbeit, sondern die Geschlechtlichkeit an sich. Kompliziert wird es dann, wenn die Schublade der Heteronormativität nicht ausgeklappt werden kann, wenn es darum geht, männliche Zeichen abzulegen und weibliche anzulegen oder umgekehrt (zum Beispiel bei Transsexualität).
Körper und Kunst
In meiner Studentenheimat Offenburg steht eine Skulptur, die den Titel “Freiheit - Männlich/Weiblich” trägt. Je nach Blickwinkel ist
ein männlicher Körper…
…oder ein weiblicher Körper zu sehen.
Auf den ersten Blick fällt auf, dass der Titel das männliche Geschlecht zuerst nennt und erst sekundär das weibliche Geschlecht. Unter der Skulptur ist folgendes zu lesen:
“Offenburg war Ausgangspunkt der demokratischen Revolution in Baden. Am 12. September 1847 veröffentlichte die Versammlung der “Entschiedenen Freunde der Verfassung” im Gasthaus Salmen die “Forderungen des Volkes in Baden”. 1848 und 1849 fanden in unserer Stadt zwei weitere programmatische Volksversammlungen statt, die mit dem Aufruf zum Aufstand endeten. Nach dem Scheitern der Revolution mussten viele Sympathisanten fliehen oder verloren ihre wirtschaftliche Existenz. Doch die Forderungen von 1847 haben bis heute Bestand: viele von ihnen fanden Eingang in spätere deutsche Verfassungen und sind noch heute wichtiger Bestandteil des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. 150 Jahre später übernahm Offenburg die Führung bei der Aufarbeitung der Demokratiebewegung. Die Skulptur des amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky wurde von der Offenburger Ehrenbürgerin Aenne Burda ihrer Heimatstadt gestiftet. Sie erinnert an die Rolle Offenburgs im demokratischen Werdeprozess Deutschlands. Das Kunstwerk trägt den Titel ‘Freiheit - Männlich/Weiblich’ und zeigt die Umrisse einer weiblichen und einer männlichen Gestalt, die - aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet - zu einer Silhouette verschmelzen. Diese Form erinnert an den Mythos von der ursprünglichen Einheit der Geschlechter und ist zugleich Sinnbild des männlichen und des weiblichen Prinzips in jedem von uns. Die ausgreifenden Gesten der weiblichen und der männlichen Gestalt signalisieren zudem Aufbruch und Dynamik, Eigenständigkeit und Gleichwertigkeit, trotz enger Verbundenheit - und verkörpern damit auch die Ideale eines demokratischen Staates. Die Skulptur wurde am 15. Dezember 2000 von Aenne Burda und Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Bruder der Öffentlichkeit übergeben. Jonathan Borofsky, Bildhauer und Maler, wurde am 24.12.1942 in Boston, Massachusetts geboren. Er lebt und arbeitet in Los Angeles, Kalifornien und in Ogunquit, Maine. Er studierte Industrie-Design, Malerei, Bildhauerei und Kunstgeschichte viele Jahre an der School of Visual Arts in New York und am California Institute of Art in Valencia. Seit 1986 stellte Borofsky in den USA, Europa und Asien viele große Kunstwerke im öffentlichen Raum her. Einige der bekannten Werke in Europa sind: Hammering Man (Basel 1988), Hammering Man (Frankfurt 1991), Man walking to the Sky (documenta IX Kassel 1991), Woman walking to the Sky (Straßburg 1992), Walking Man (München 1995), (München 1995), Molecule Man (Berlin 1999).”
Schöne alte Welt - Ein Kommentar zur heteronormativen Kunst
Die Skulptur ist zwar schön im heteronormativen Sinne, aber falsch im queeren Denken. An die ursprüngliche Einheit der Geschlechter soll erinnert werden, dabei ist unter Geschlecht entweder das weibliche oder das männliche zu verstehen. Und die Vereinigung kann nur zwischen Mann und Frau zustande kommen. Eine Einheit von Doppelmann und Doppelfrau - wie der androgyne Urmensch sie vorstellt - wird ausgeklammert. In der schönen alten Welt ist die Biologie im Einklang mit der Soziologie: Es gibt Männlein und Weiblein. Nichts darüber hinaus. Denken wir an das konservative 19. Jahrhundert, mag dies zutreffen. Denken wir an das 21. Jahrhundert, trifft dies nicht zu. Und hier liegt das Problem: Die Skulptur stammt aus dem Jahre 2000, verkörpert zeitgenössische Kunst mit Symbolwert. Aber was sie zeigt, sind Symbole vergangener Jahrhunderte. Es gibt Homo- und Transsexualität sowie Hermaphroditen, die sich als “Ladyboys” prostituieren. Die schöne alte Welt existiert nicht mehr. Vielleicht sollte der Besitzer der Skulptur, unsere Gesellschaft, darüber nachdenken. Vielleicht sollte sich die schöne neue Welt zukünftig von ihren Besitzern verkörpert sehen.






