Hauke Löffler, der Initiator des Stadtwikis, installierte ein Wiki auf seinem eigenen Server, der neben seinem Bett stand. Es entstand die Idee, „eine freie Seite für Karlsruhe“ zu erstellen, die den Nutzern alle Handlungsfreiheiten lässt. Durch gezielte Akquise von Nutzern im Usenet und im Stadtblog Karlsruhe gelang es Hauke Löffler das Wiki so bekannt zu machen, dass sich die lokale Presse dafür zu interessieren begann. Der Artikel steigerte den Bekanntheitsgrad und daraufhin war das Wiki „nicht mehr tragbar für einen privaten Server“ .
Auf den Zeitungsartikel hin hat sich der INKA e. V., ein freier Internetprovider in Karlsruhe, gemeldet und einen Server zur Verfügung gestellt. Aus rechtlichen Gründen wurde der Verein „Stadtwiki – Gesellschaft zur Förderung regionalen Freien Wissens e. V.“ (Stadtwiki-Gesellschaft) gegründet, der auch weitere Stadtwikis unterstützt. Aus der Idee der freien Seite für Karlsruhe entwickelte sich das Stadtwiki Karlsruhe. Ein Stadtwiki ist ein ortsbezogenes Wiki. „Bezug ist alles, was relevant ist für die Stadt [Karlsruhe].“ Inhaltlich gliedert sich das Stadtwiki zielgruppenorientiert in die Portale „Tourismus“, „Geschichte“ und „Neubürger“. Es werden also die gesellschaftlichen Gruppen Touristen, Bürger, Neubürger und Geschichtsinteressierte angesprochen. Das Stadtwiki Karlsruhe bewegt sich somit auf der Ebene der gesellschaftlichen Partizipation in den Prozessstufen Information und bei politisch relevanten Artikeln Diskurs.
Durch „zwei bis drei richtig aktive Benutzer“ kam das Stadtwiki Karlsruhe zu Beginn ins Rollen und es wuchs immer weiter. Begünstigend wirkte sich hier die offene Struktur der Community aus. Jeder, der Interesse hat, kann mitmachen. Kurze Zeit später gab es das erste Treffen, um die Ziele und Vorgehensweise zu besprechen. Diese Treffen finden nun regelmäßig, jeden dritten Donnerstag im Monat, statt. Daraus ergibt sich, dass sich die aktiven Benutzer untereinander kennen. Es existiert also sowohl eine Online- als auch eine
Offline-Community „Stadtwiki Karlsruhe“. Aus diesem Grund wurde auch die Initiative „bestätigter Benutzer“ ins Leben gerufen. Jeder Nutzer, der sich persönlich bei Hauke Löffler, dem Vorsitzenden der Stadtwiki-Gesellschaft, ausweist, bekommt eine Signatur auf seine Benutzerseite, dass der Benutzer einer Person zugeordnet werden kann.
Es erfolgt also eine (Offline-) Authentifizierung, somit wird neben dem für Wikis immanenten Service Mitproduzieren von Content der Service Authentifizierung genutzt und der Authentifizierungsgrad verifizierte Identität verwirklicht. Trotzdem ist es möglich, teilweise anonym an der Community teilzunehmen. Dies ist nur teilweise möglich, da die Wiki-Software die IP-Adresse des Nutzers als Urheber des Beitrags speichert. Nicht verifizierte Nutzer können mit einem Pseudonym oder mit ihrem Namen (Identität) teilnehmen. Klassische Kommunikationsmöglichkeit eines Wikis ist die n-zu-n-Beziehung. Zudem gibt es jedoch die Möglichkeit, einen registrierten Nutzer direkt per E-Mail zu kontaktieren oder auf seiner Diskussionsseite mit ihm Kontakt aufzunehmen. Dies entspricht einer 1-zu-1-Kommunikation. Im Stadtwiki Karlsruhe sind die Rollen folgendermaßen verteilt: Hauke Löffler ist der Initiator, es gibt drei Administratoren (Hauke Löffler, Wilhelm Bühler und Stefan Lange), 894 registrierte Benutzer, nicht registrierte Benutzer und unzählige Beobachter.
Die anfängliche Idee, Nutzern volle Handlungsfreiheit zu lassen, schlägt sich im Grad der Moderation nieder. Diese findet lediglich in Form der Benutzermoderation statt. Es gibt „sehr viele technische Bausteine (Vorla-gen), die jeder Benutzer einfügen kann.“ Zudem werden die Diskussionsseiten der Artikel genutzt, um über den Inhalt der Artikel mit mehreren Nutzern zu diskutieren. Viele Nutzer forschen nach und bestätigen oder bezweifeln die Richtigkeit der Artikel. Dazu fordern sie Quellen an, telefonieren und schicken E-Mails. So schafft es die Bürgercommunity, dass „Urheberrechtsverletzungen innerhalb von fünf Minuten bis fünf Stun-den“ entfernt sind. Durch die gut funktionierende Benutzermoderation der Bürgercommunity können sich die Administratoren darauf konzentrieren, wenn es nötig ist, Benutzerkonten zu sperren. Einem großen Vanda-lismus-Angriff war das Stadtwiki Karlsruhe bereits ausgesetzt. Daraufhin wurde die IP-Adresse bestimmt und Anzeige erstattet. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft waren erfolgreich und die betreffende Person wur-de festgestellt. Ein weiterer Erfolg der Selbstregulierungsmechanismen der Community ist die Kontrolle des Bezugs zu Karlsruhe. Ebenfalls durch Formatvorlagen und Artikel, die als Richtlinie dienen, was ein guter Artikel ist, wird Eigenwerbung von Firmen verhindert und die Qualität der Artikel im Stadtwiki gesichert. Alles in allem: „Es wird viel diskutiert, aber auf den eigentlichen Artikelseiten wird wenig experimentiert.“ An diesen Selbstregulierungsmechanismen der Communities erkennt man deutlich die Nutzung der kollektiven Intelligenz der Nutzer. Die Artikel werden besser, desto mehr Nutzer daran arbeiten in Form von Teilnahme an Diskussionen, Bearbeitungen im Artikel, Kontrollrecherchen etc.
Finanziert wird das Stadtwiki Karlsruhe durch Spenden und Mitgliedsbeiträge an die Stadtwiki-Gesellschaft. In engem Verhältnis zur Finanzierung steht die Werbung für das Angebot. „Das dümmste, was man im Stadtwiki machen kann, ist Werbung zu machen.“ Hauke Löfflers Begründung für diese Behauptung gründet sich auf die Überlegung, dass man für schlechte und unreife Inhalte keine Werbung machen sollte. Erst wenn eine gewisse Anzahl an Artikeln mit guter Qualität ausgewiesen werden können, kommt dies in Betracht. Man braucht also viel Geduld. Als Erfahrungswert nennt er „die ersten 400 Tage“, erst ab diesem Zeitpunkt kann das Angebot auf Nutzer-Seite als interessant aufgenommen werden. Mittlerweile wurden einige Werbemaßnahmen durchgeführt. Hauke Löffler hält Vorträge, es gab Schulungen für Senioren und es wurden 5.000 Flyer gedruckt, um das Stadtwiki in der Region noch bekannter zu machen. Im Allgemeinen steht jedoch die „virale Mund-zu-Mund-Propaganda“ im Vordergrund. Es kommt unterstützend hinzu, „dass Google uns liebt“ . Somit ist die Vernetzung im Internet gesichert und Inhalte, die im Stadtwiki verfügbar sind, und gesucht werden, können leicht gefunden werden. Durch die Schulungen werden letzte Berührungsängste mit der Wiki-Software beseitigt, eine Vorbildung ist also nicht notwendig.
Zu Beginn fragte Hauke Löffler beim Stadtmarketing der Stadt Karlsruhe an, ob sie die Kosten für einen Server in Höhe von 1.000 € in irgendeiner Weise mittragen würden. Dies wurde von der Stadt abgelehnt, sie verhielt sich also neutral gegenüber dem Stadtwiki. „Mittlerweile haben wir ein sehr gutes Verhältnis zur Stadt, (…) das wichtigste ist für ein Stadtwiki, dass es direkte Kontakte gibt.“ Die Leiter einiger Ämter der Stadtverwaltung können als Community-Mitglieder gewertet werden. Der Gartenbauamtsleiter, erzählt Hauke Löffler, lädt selbst Bilder hoch. Dem Stadtwiki kommt es bei der Unterstützung der Stadt nicht auf Geld an: Presse und direkte Ansprechpartner werden benötigt, um an Informationen zu kommen, die vorwiegend die Stadt hat wie z. B. Stadtplankarten. Die Stadt stellt diese dem Stadtwiki zur Verfügung. Man kann nun also von einem sehr positiven Unterstützungsgrad reden.
Das Stadtwiki Karlsruhe ist „das größte Stadtwiki-Projekt weltweit“. Die folgende Abbildung (hier zu finden) macht das deutlich:

Der Erfolgsfaktor für das Stadtwiki Karlsruhe sind hochaktuelle und einzigartige Inhalte. Wenn Veranstalter nicht rechtzeitig eine Homepage zustande bringen, ist das Stadtwiki Karlsruhe erste Anlaufstelle. Die meisten Leser des Stadtwikis Karlsruhe kommen von Google, das heißt, sie suchen nach Informationen und finden diese im Stadtwiki Karlsruhe. Gemeinsam mit dem ZDF machte Hauke Löffler eine Umfrage in der Karlsruher Innenstadt zum Bekanntheitsgrad des Stadtwikis. „Wir haben auf dem Marktplatz wahllos Leute angesprochen und ich war erschreckt, wie viele Leute das Stadtwiki tatsächlich kannten.“ Das oft vorgebrachte Argument, das Stadtwiki funktioniert in Karlsruhe so gut, weil es eine Studentenstadt ist, kann nicht bestätigt werden. Es ist so, dass die Studenten nicht aus Karlsruhe kommen und daher kaum Artikel verfassen können. Sie nutzen das Stadtwiki vor allem um Lokalitäten zu finden, wo man hingehen kann. Viele Autoren und Leser sind an Spezialthemen interessiert, die außer im Stadtwiki nirgends zu finden sind. Das Stadtwiki bietet Hotels, Sehenswürdigkeiten, Restaurants für Touristen, Ämter der Stadtverwaltung, Informationen zur Müllabfuhr, Spielplätze, Sportanlagen und Sportvereine für Bürger und Neubürger, Informationen über Karlsruhe im Dritten Reich und die Entstehung Karlsruhes für Geschichtsinteressierte. Zudem gibt es auch aktuelle Nachrichten, obwohl es nicht Ziel des Stadtwikis ist.
11 responses bisher ↓
1 uDO // Mrz 29, 2007 at 09:59
„virale Mund-zu-Mund-Propaganda“ - Danke. Sehr erbaulicher Artikel über dieses Projekt!!!
“Somit ist die Vernetzung im Internet gesichert und Inhalte, die im Stadtwiki verfügbar sind, und gesucht werden, können leicht gefunden werden.” Ja. Bearbeitung des Punktes Transport von Bürgerkommunikation/-Information gelungen.
Das ist ein prima Wegweiser für unseren Netzrat Verband zur Hamburg.org.
u
2 Thorsten Koch // Mrz 29, 2007 at 10:03
Freut mich, dass sich jemand den langen Beitrag durchliest und einen Nutzen daraus ziehen kann.
Ich habe noch nicht genau durchgeblickt, was es mit Hamburg.org auf sich hat, kannst du mir da nachhelfen?
3 Wilhelm aka Kawana // Apr 5, 2007 at 07:26
Hallo, hamburg.org ist auf http://www.hamburg.org/ueber-uns.html beschrieben und geht einen - auf den ersten Blick - Web-1.0-Ansatz: http://www.hamburg.org/kinder.html
Davon unabhängig gibt es ein Stadtwiki Hamburg http://www.hh-wiki.de/ nach Karlsruher Vorbild.
Ciao
Wilhelm aka Kawana
4 Thorsten Koch // Apr 5, 2007 at 13:33
Hallo Wilhelm,
vielen Dank für die guten Links! Der Web 1.0-Ansatz wird an dem kinder-link sehr deutlich.
Das HamburgWiki scheint mir sehr sehr straßenlastig zu sein, kannst du mir da zustimmen? Ich hab 12 Klicks auf “Zufälliger Artikel” gezählt, bis ein Nicht-Straßen-Artikel kam. In Karlsruhe, ja nicht mal im MurgtalWiki ist mir das bisher passiert. Würde mich über eine Antwort freuen.
Thorsten.
5 E-Government im Web 2.0 » Blogger und E-Partizipation // Apr 14, 2007 at 22:54
[...] bietet die Möglichkeit, dass sich eine breite Masse beteiligt. Bestes Beispiel ist das Stadtwiki Karlsruhe. In Karlsruhe vernimmt man Töne der politischen Frustration, das Stadtwiki aber brummt. Die [...]
6 E-Government im Web 2.0 » Bürgerschaftliches Engagement von Amtswegen vs. Bürgercommunity // Apr 28, 2007 at 22:01
[...] für bürgerschaftliches Engagement einzusetzen, ist gigantisch, wie Erfahrungen aus dem Stadtwiki Karlsruhe zeigen. Die Planung von Projekten gehört auch dazu, allerdings sollte es nur EIN Vorhaben sein, [...]
7 Kommunaler IT-Berater at E-Government im Web 2.0 // Mai 18, 2007 at 21:34
[...] Bürger, Schulen und (kleinere) Unternehmen mit neuen Instrumenten, Software und Medien bekannt machen, Medienkompetenz vermitteln und Ansprechpartner für innovative Projekte aus der Bürgerschaft sein. (vgl. hier und hier) [...]
8 pompini // Jun 5, 2007 at 16:45
sono eccitato circa questo luogo, buon lavoro!:)
9 Wege aus der Verdrossenheit durch den Bürgermeister im Web 2.0 at E-Government im Web 2.0 // Jun 20, 2007 at 14:43
[...] Bürgercommunities schaffen: Unterstützen und Einbeziehen bürgerschaftlichen Engagements Mit Ansprechpartnern in der Kommunalverwaltung als Unterstützung ist eine Kooperation erfolgversprechend (vgl. Stadtwiki Karlsruhe). [...]
10 Heidi Reitel // Jul 14, 2007 at 09:09
Ich freue mich, diese SCHWERKRIMINELLE BANDE der
MÖRDER am
WAHREN KAISER
gefunden zu haben, die sich sehr verbreitet zeigt.
Z.B. bei SCHLENDERHAN, BARONIN von ULLMANN,
dem GALOPP von K A R L S R U H E
- und was es alles L U S T I G E S gibt
für den grössten PÖBEL auf ERDEN
Heidi Reitel
11 Thorsten Koch // Jul 14, 2007 at 09:21
Interessante Prosa, Frau Reitel. Leider habe ich nicht verstanden, was Sie uns mitteilen wollen.
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